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Der Fall Infinity Ward: Zukunft der Call-of-Duty-Serie ungewiss?

Vince Zampella

Vince Zampella, Ex-Chef Infinity Wards

Es war der 2. März 2010, da berichteten US-Seiten über etwas, dass die Zukunft einer der berühmtesten, erfolgreichsten und finanziell lukrativsten Spieleserie auf den Kopf stellen sollte: Jason West und Vince Zampella, ihres Zeichens Chefs des für ihre Call of Duty-Reihe bekannten Studios Infinity Ward, wurden von dessen Eigner ActivisionBlizzard (Activision) vor die Tür gesetzt. West und Zampella hätten sich, so Activision weiter, nicht an Vertragsabsprachen gehalten und seien auch sonst ungehorsam gewesen. Genauere Details wurden nicht genannt. In einer Mitteilung der amerikanischen Börsenaufsicht gegenüber hieß es: “Die Angelegenheit führt wahrscheinlich zu Rechtsstreitigkeiten und dazu, dass wichtige Mitarbeiter gehen.” Wie extrem dieser Fall jedoch eintreten sollte, dass hat wahrscheinlich selbst Activision nicht vorraus ahnen können.

Was nun folgt spitzt sich relativ schnell zu einer kleinen Schlammschlacht zu. West und Zampella fühlen sich zu unrecht gefeuert und verklagen Activision auf nicht ausgezahlte Boni in Höhe von 36 Mio. USD, sowie die Namensrechte an der Modern Warfare-Serie. Mit 3 Milliarden USD Umsatz, eine der wichtigsten Serien im Portfolio, kommt dies für Activision natürlich nicht in Frage, und so kommt es knapp einen Monat später zu einer Gegenklage. Diese sollte es in sich haben. Erste Details über das Warum der Kündigung kommen ans Tageslicht: So sollen die beiden Ex-Chefs den Ausbaus des Call of Duty-Franchises verhindert, sowie geheime Gespräche mit Electronic Arts geführt haben. Es wird gar von der Transformation von “verantwortungsvollen Führungskräften” hin zu “integranten Egoisten” gesprochen.

Respawn Webseite am 18. April 2010

Mehr als das gibt es noch nicht von Respawn Entertainment zu bestaunen.

Hinter den Fronten bei Infinity Ward hingegen zeichnet sich ein anderer Prozess ab: immer mehr leitende Angestellte verlassen die Firma. So arbeiten u.a. die bei Modern Warfare 2 für das Lead Design verantworlichen Todd Alderman, Steve Fukuda, Mackey McCandlish, Zied Rieke nicht mehr für Infinity Ward. Darüber hinaus verließen mit Francesco Gigliotti (Engeneering Leads), Christopher Cherubini (Art Leads), Mark Grigsby, Paul Messerly (beide Animation Leads) und – bis auf Jesse Stern – das komplette Autoren-Team noch weitere kreative Köpfe das  Modern Warfare 2-Team. Eine genaue Übersicht gibt dieses von PCGamer erstelle Youtube-Video. Besonders pikant sollte dieser Schwund an kreativen Köpfen aber erst mit folgender Ankündigung werden: Am selben Tag, an dem Activsion West und Zampella verklagte, stellen diese ihr neues Entwicklerstudio Respawn Entertainment vor. Als Vertriebspartner stellt man dabei niemand geringeren als den Hauptkonkurrenten Activisions, Electronic Arts, vor. EA wird dabei den Vertrieb der Spiele Respawn Entertainments übernehmen, die Namensrechte bleiben aber beim Studio selber, dass im Zuge des EA Partners -Programms auch eigenständig bleibt.

Modern Warfare 2 Boxart

Actionspiele haben sich in den letzten Jahren zu den ertragreichsten Spielen entwickelt. Ob es sich dabei um FPS, Action-Adventure oder Openworld-Spiele handelt ist egal. Jeder größere Publisher braucht einen solchen Titel im Portfolio um überleben zu können. Sei es nun die Halo-Serie für Microsoft, GTA für Take 2 oder Just Cause für Eidos. Eine starke Marktpräsenz in diesem Genre ist überaus wichtig.

Innerhalb von knapp zwei Monaten scheint sich das Blatt für Activision unerfreulich gewendet zu haben. Nicht nur, dass man mit dem Rausschmiss  Wests und Zampellas zwei der wichtigsten Köpfe hinter einer enorm wichtigen Marke verloren hatte, auch gingen mit diesen nach und nach einige sehr wichtige Entwickler. Zu allem Überfluss landeten dann West und Zampella auch noch in den Händen des ärgsten Konkurrenten, welcher aktuell mit einem neuen Teil der Medal of Honor-Serie sowieso Activisions Vorherrschaft im FPS-Genre angreifen möchte.

Activision scheint hingegen nicht verwundert zu sein: “Diese Vereinbarung ist keine Überraschung für uns, schaut man sich die Unterlagen an, die wir beim Gericht eingereicht haben.” Scheinbar ist etwas an der im März von Activision geäußerte Anschuldigung, West und Zampella hätten sich geheim mit EA zusammengesetzt, dran. Zu unwahrscheinlich ist es, dass nur einen Monat nach dessen Rauswurf, West und Zampella mit einem neuen Studio gerade beim ärgsten Mitbewerber unterkommen. Wie wichtig die Marke  Call of Duty für Activision ist, zeigt indes der Bericht zum Geschäftsjahresabschluss 2009: Ohne ein Modern Warfare 2 hätte Activision in diesem Geschäftsjahr kein positives Ergebnis erreicht. Bekannte Cashcows wie die Guitar Hero- oder Tony Hawk-Reihe schwächeln, zwar gibt es dieses Jahr noch Star Craft 2 und ein weiteres WoW-Addon in der Pipeline, aber ein enttäuschendes Call of Duty kann sich Activision schlicht und ergreifend nicht leisten. Umso schmerzlicher ist es da, wenn ein Studio-Insider davon spricht, dass der Entwickler hinter Modern Warfare 2tot” sei und man bei Activision eine Scheißangst” hätte. Erschreckend wie präzise Activision das alles schon im März vorraus gesagt hatte. Und auch, wenn mittlerweile andere Mitarbeiter die Situation etwas positiver betrachten, es ist und bleibt einer der größten Trennungen in der Videospielgeschichte.

Für Activision heißt es nun, Infinity Ward wieder zu neuer Stärke zu verhelfen und somit einer ihrer wichtigsten Serien zu beschützen. Aktuell hat man dafür noch ein gutes Zeitpolster, schließlich kommt der nächste Teil wieder von Treyarch. Diese haben jedoch, so hat es die Vergangenheit gezeigt, nicht das Talent und KnowHow, um der Serie neue Impulse zu geben. Hierfür ist und wird Infinity Ward immer der Motor bleiben. Auch darf man nicht unterschätzen, dass es Activision im Vergleich zu EA finanziell noch sehr gut geht und man darüber hinaus eigene Pläne unabhängig von Infinty Ward mit der Call of Duty-Reihe hat: so soll bei Sledgehammer Games, welches von ehemaligen EA-Mitarbeiten geleitet wird, ein Action-Adventure im CoD-Universum entwickelt werden.

EA vs. Activision Blizzard

Ob EA es schafft, wichtige Marktanteile im Action-Segment zu gewinnen wird die Zukunft zeigen.

Wenn man sich die Fakten also einmal in Ruhe anschaut, so könnte der Rauswurf Wests und Zampellas genau mit dieser Neuausrichtung der Marke zu tun gehabt haben. Vielleicht waren die Zukunftspläne beider Parteien zum Schluss einfach zu verschieden, als das man die Fortführung dieser immens wichtigen und prägenden Serie gemeinsam hätte durchführen können. Wie sehr der kreative Schwund Activision also belastet, können wir nur schätzen. Sollte es EA anders als mit Double Fine Productions und dessen finanziell gefloppten Brütal Legend jedoch gelingen, mit Hilfe von West und Zampella einen komerziellen wie auch qualitativen  Shooter-Hit zu landen, so kann uns das als Spielern nur allzu recht sein. Schließlich belebt die Konkurrenz das Geschäft und wer weiß, ob dann ein erneuter Modern Warfare-Aufguss anno 2011 noch erfolgreich sein kann.